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Vor einigen Jahren rüttelte eine kurze Meldung in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "Nature" die Öffentlichkeit auf: Die US-Forscher Frances Rauscher und Gordon Shaw hatten bei einem Experiment festgestellt, dass Studenten, nachdem sie eine Mozartsonate gehört hatten, bei einem Intelligenztest besser abschnitten. Dank der Kompositionen Wolfgang Amadeus Mozarts, so die Testergebnisse, verbesserte sich vor allem das räumliche Vorstellungsvermögen. Und in einem weiteren Experiment stellten die Forscher fest: Ratten, die mit Mozart beschallt wurden, fanden sich in einem Labyrinth schneller zurecht, als ihre Artgenossen.
Im Anschluss hatte die Psychologin Rauscher erklärt, dass Musikhören die Denkleistungen gerade bei Kindern fördern könne. Die Medien griffen diese These beherzt auf. Und viele Verfechter der kulturellen Bildung sowie Musikfreunde waren froh, ein Argument für den Nutzen der Musik in der Hand zu haben. Der so genannte "Mozart-Effekt" war geboren und in der öffentlichen Debatte verankert.
Mozart-Effekt nicht messbar
Von dem Expertenstreit, der infolge von Rauschers und Shaws Thesen entbrannte, nahm die Öffentlichkeit jedoch kaum Notiz. Denn viele Wissenschaftler, die die Erkenntnisse überprüfen wollten und die Experimente wiederholten, kamen zu völlig anderen Ergebnissen. Nach jahrelanger Debatte und vielen Studien steht daher fest: Einen wissenschaftlich stichhaltigen Beweis dafür, dass allein das Hören klassischer Musik die Entwicklung der Intelligenz fördert, gibt es nicht.
Gilt "früh übt sich" auch für Ungeborene?
Dennoch hat sich in den Köpfen vieler ein Gedanke festgesetzt: Durch eine gezielte Beschallung lassen sich Gehirnfunktionen stimulieren - auch schon vor der Geburt. Kein Wunder also, dass es Geräte gibt, die mit Hilfe spezieller Geräusche ein so genanntes pränatales Lernen bewirken sollen. Die Eltern, so versprechen es die Hersteller, könnten so bereits im Mutterleib die Entwicklung des Kindes fördern.
Ein US-amerikanischer Hersteller eines solchen Produktes behauptet sogar, durch diese pränatale Erziehung sei nicht nur die Sprach-, Musik- und Kreativitätsfähigkeit der Babys erhöht, sondern die Neugeborenen würden auch mit geöffneten Augen und Händen geboren, weniger schreien und ließen sich leichter pflegen. Als Beweis führt das Unternehmen eine Studie der Universität in Maastricht in den Niederlanden an.
Eine Studie, die (fast) nichts beweist
Tatsächlich bestätigt diese niederländische Studie, dass Babys bereits im Mutterleib über ein Gedächtnis verfügen. Die Forscher setzten Ungeborene einem bestimmten Geräusch aus und stellten fest: Beim ersten Mal reagiert der Fötus mit einer deutlichen Bewegung auf den neuen Reiz, bei den weiteren Beschallungen jedoch nicht mehr. Das Ungeborene hat sich an das Geräusch gewöhnt und behält den neuen Klang im Gedächtnis.
Für die Grundlagenforschung mögen diese Erkenntnisse wichtig sein. Ein praktischer Nutzen einer Beschallung oder pränatalen Erziehung lässt sich daraus jedoch nicht herleiten. Denn die Studie sagt überhaupt nichts darüber aus, inwiefern sich diese Geräusche auf die kindliche Entwicklung auswirken. Es gibt keinen wissenschaftlich stichhaltigen Beweis dafür, dass eine pränatale Erziehung überhaupt irgendeinen Effekt hat.
Eltern müssen Entwicklung fördern
Nichtsdestotrotz sind die Eltern, sobald das Kind auf der Welt ist, gefordert, sich um die Entwicklung des Kindes zu kümmern. Auch Musik kann hierbei einen Beitrag leisten - wenn die Kinder selbst aktiv werden und ein Instrument erlernen. Denn es gibt viele Anzeichen dafür, dass Musikunterricht sowohl die Leistungsfähigkeit als auch das Sozialverhalten bei Kindern verbessern kann.
Diesen positiven Effekt kann man jedoch nicht allein durch die Musik erklären. Die meisten Psychologen gehen davon aus, dass weniger der Umgang mit Klängen und Noten entscheidend ist, sondern die schlichte Tatsache, dass die Kinder eine zusätzliche Förderung erfahren. Es muss also nicht der Musikunterricht sein. Theaterspielen oder Sport sind genauso geeignet.
Machen Sie daher nicht den Fehler, Ihr Kind zum Musikunterricht zu zwingen, wenn es lieber Theater oder Fußball spielen will. Denn in einem Punkt sind sich alle Experten einig: Wer zu etwas gezwungen wird, verliert schnell die Lust. Lernen jedoch funktioniert am besten, wenn es Spaß macht und man Lust darauf hat.